Die Nacht der Nähe
Manchmal, wenn die Welt zur Ruhe kommt und der Tag seine Schwere verliert, höre ich vor dem Einschlafen gerne die Allerheiligenlitanei auf YouTube. Die zum Begräbnis von Papst Johannes Paulus II. Die Stimmen tragen mich, wie ein langsamer Strom. Namen, Bitten, Wiederholungen. Sie öffnen etwas in mir und beruhigen mich total.
Ich spüre, wie mein Atem ruhiger wird, wie sich mein Inneres weitet.
In solchen Momenten richte ich meine Gedanken auf die Engel. Nicht fordernd, nicht erwartungsvoll. Eher wie ein stilles Lauschen. Manchmal bitte ich sie, sich mir zu zeigen – wenn es erlaubt ist, wenn es sein soll.
Vor einiger Zeit geschah etwas, das sich tief in mir eingeprägt hat.
Ich erwachte mitten in der Nacht. Nicht abrupt, nicht erschrocken. Es war, als hätte mich etwas sanft aus dem Schlaf berührt. Ich öffnete die Augen. Auf der Seite liegend blickte ich in die rechte Zimmerecke, dorthin, wo der chinesische Schrank steht.
Und dort war jemand.
Eine Gestalt saß dort in der totalen Dunkelheit, ruhig, gesammelt, ganz bei sich.
Ein Engel, so nannte es mein Inneres sofort, ohne zu Zögern, ohne Zweifel. Er hatte keine Flügel. Sein Umhang war von einem warmen, goldenen Ton, nicht glänzend, sondern mild, wie Licht, das durch Stoff fällt. Am Kopf trug er dunkelblondes Haar, in schmalen Strähnen nach hinten geflochten.
Die Gestalt erinnerte mich an eine Wachsskulptur – nicht leblos, sondern zeitlos. Still. Gegenwärtig.
Ich empfand keine Angst. Keine Verwunderung. Nur eine tiefe Ruhe. Als wäre etwas Vertrautes endlich sichtbar geworden.
Für einen Moment schloss ich die Augen. Vielleicht aus Ehrfurcht. Vielleicht, um diesen Augenblick nicht zu stören.
Als ich sie wieder öffnete, war die Erscheinung fort.
Der Raum war derselbe. Die Dunkelheit war total.
Ich lag lange wach und spürte nach. Nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen.
War es ein Traum? Vielleicht.
War es eine Vision? Möglich.
Oder eine kurze Berührung zwischen zwei Wirklichkeiten, die sich für einen Atemzug überlagert haben?
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass mir in dieser Nacht etwas geschenkt wurde: ein Gefühl von Nähe. Von Begleitung. Von Sinn.
Vielleicht zeigen sich Engel nicht, um gesehen zu werden –
sondern um uns daran zu erinnern, dass wir nicht allein sind.