Wie ein Shar Pei unsere Herzen eroberte.

Irgendwann im Laufe des Jahres 2014 erzählte meine Frau Marie-Thérèse mir, dass sie einen Roman gelesen hatte, in welchem ein Hund der Rasse Shar Pei vorkam. 

Ich war erstaunt über ihr plötzliches Interesse an dieser Rasse, fürchtete sie doch seit einem Hundebiss im Kindesalter alle Hunde ohne Ausnahme.

Ich, der schon lange einen Hund wollte, witterte nun meine Chance. Vielleicht konnte ich Marie-Thérèse von einer anderen Rasse, dem deutschen Schäferhund dem ich den Vorzug gab, überzeugen. Schäferhunde kannte ich; jahrelang hatte ich sie in der Polizei als Ausbildungsleiter selbst ausgebildet. 

Nach einem Tag der Überlegung, ich wusste ein Schäferhund hätte die Angst meiner Frau nur noch verstärkt, beschäftigte ich mich im Internet mit den Shar Pei, der mir bis dahin unbekannten Rasse. In der einschlägigen Literatur wurden sie als schwierige Hunde dargestellt, mit eigenem Kopf, fast zu nichts Nützlichem zu gebrauchen. Jedoch das Aussehen dieser Hunde gefiel mir auf Anhieb. Die dicke mollossoide Schnauze, die kleinen Ohren und die vielen Falten hatten mich in ihren Bann gezogen. 

Da ich nicht wusste wie lange das Interesse meiner Frau andauern würde, musste ich das Eisen schmieden, so lange es heiss war. Zu dem Moment war in einem Umkreis von ein paar Hundert Kilometern nur ein Wurf Shar Pei Welpen am 13. Oktober 2014 zur Welt gekommen. Ich setzte mich mit der Züchterin in Verbindung und am Tage danach, fuhr ich nach einem Dorf in der Nähe von Lüttich in Belgien um mir den Wurf Shar Pei anzusehen. 

Auf mein Klingeln hin öffnete eine ältere Frau mir die Tür. Ich war erstaunt, war ja diese Person mit einem Anzug aus braunem Nicky Plüschstoff bekleidet und sah fast genau so aus wie die Hunde die sie mir nun im Halbdunkeln in einer eher muffigen Wohnung präsentierte. In einem kleinen Gehege tollten mehrere kleine, vier Wochen alte Hundewelpen herum. Alle hatten sie verschiedene Farben, von dunkelbraun fast schwarz über beige sandfarben bis zu einem Welpen, dessen Farbe als blue bezeichnet wurde. Genau dieser Welpe, ein Rüde, hatte mein Interesse geweckt. Ich hob ihn hoch, er leckte meine Hand und der Deal war besiegelt. Mit fadenscheinigen Ausreden (im Nachhinen ist man bekanntlich ja gescheiter) erklärte die Züchterin mir, dass ich für genau diesen Welpen wegen seiner speziellen Farbe, welche im belgischen Zuchtbuch nicht zugelassen sei, keine Papiere (Stammbaum etc) erhalten könnte. Ich erklärte mich hiermit einverstanden, wollte ich doch keinen Hund zum Züchten, sondern einen treuen Begleiter als Familienhund haben.

Vier Wochen später durften wir dich dann endlich abholen. Wir gaben dir den Namen „Lucky“ der Glückliche und freuten uns auf eine lange gemeinsame Zukunft. 

Vom ersten Augenblick an  fühltest du dich wohl in deinem neuen Heim. Ein erstes Hundekörbchen und einige Kuscheldecken standen für Dich bereit. Unser Bett sollte eine Tabuzone für Dich sein. 

Sehr schnell hatten wir dich kleine Falte, Falten hattest du unzählige, in unser Herz geschlossen. Du gehörtest von nun an untrennbar zur Familie. Dir ist zu verdanken, dass Marie-Therese von nun an keine Angst mehr vor Hunden hatte. Wir hatten dich so lieb, wie man ein lebendes Wesen nur lieben kann. Unsere Gedanken und Taten kreisten von nun an fast nur um Dich. Wir durften erleben wie du dich vom Welpen zum Junghund entwickelt hast. Du hast niemals etwas kaputt gemacht oder irgendeinen Schaden angerichtet. Jede Menge Spielzeug wurde von uns angeschafft, doch du hattest kein überaus grosses Interesse daran. Auch hatte dein altes stark übergewichtiges Herrchen eben keine Lust sich ständig nach einem Ball zu bücken. Richtig freuen konntest du dich, wenn wir dir einen alten Pantoffel oder Schuh zum Spielen gaben.

Du hattest so ein liebenswürdiges Wesen ohne die kleinste Spur von Aggresivität und auf ein kleines Zeichen von uns wusstest du was wir von dir wollten. Ausser natürlich wenn du auf Shar Pei machtest und anstatt z.B. zu kommen, dann ostentativ in die andere Richtung schautest und uns den Rücken zukehrtest. Vielleicht war das Gehorchen in dem Moment unter deiner Shar Pei Würde oder du sahest keinen Sinn zu gehorchen. Shar Pei Kenner und Liebhaber wissen genau was Sache ist und auch dies trägt in meinen Augen zum Charme dieser Rasse bei.

Du warst erst ein paar Wochen bei uns, als die Tierärztin uns erklärte, dass du an beiden Augen operiert werden müsstest. Wir brachten dich zur Tierklinik in Belgien und ich weinte zum ersten Mal dicke Tränen, als ich dich auf dem Arm zum Operationstisch brachte, damit du deine Narkose erhalten konntest. Danach musstest du armes Pei’chen wochenlang mit einem Trichter um den Kopf herum laufen und dir allerlei Tropfen und Crèmes in die Augen einflössen lassen.  

Nicht nur uns hast du viel Freude bereitet. Gelegentlich unserer vielen Spaziergängen und Gasssirunden lernten wir alle Nachbarn kennen. Du wurdest bewundert, als ob du von einem anderen Stern gekommen wärst. Du hast dich jedes Mal gefreut einen  Menschen zu sehen und wärst am liebsten schwanzwedelnd zu jedem hingelaufen um Streicheleinheiten zu bekommen. Dein Charakter war einfach vorbildhaft. Du wurdest jedoch von allen Hunden, die deine Miene nicht lesen konnten, angefeindet. Selbst Minihunde wie Rehpinscher kläfften dich an. Du, der du alle mit einem Biss ins Jenseits hättest befördern können, liessest dich nie aus der Ruhe bringen, gingst jedem Streit aus dem Wege. Später dann, hast du die kleinen Kläffer überhaupt nicht mehr beachtet und so getan als ob du sie nicht bemerkt hättest. Du hattest einige wenige  Hundefreunde die dich mochten. Ich denke da an die kleine Bulldogge Louis und die Australian Sheperds Sheia und Butzi  mit denen du herumtollen konntest.

Unvergesslich sind die Momente als du die Nächte auf unserer Designer-Ledercouch verbrachtest (hatte ich mir ja geschworen : der Hund darf nicht auf die Couch; du hattest schnell Besitz davon ergriffen). Als wir dann Morgens ins Wohnzimmer kamen, standest du grinsend auf Hinterpfoten auf der Couch, die Vorderpfoten  über die Rückenlehne herab hängend mit wedelndem Schwanz, in Erwartung einer Begrüssung und der  ersten Schmuseeinheiten. Überhaupt hätte ich dich am liebsten von Morgens bis Abends abgeknutscht, doch du standest nicht so auf diese Knutscherei. Dein Fell war so dicht und kuschelig, ich hätte dich stundenlang, speziell hinter den Ohren streicheln können. Zugegeben diese Streicheleinheiten haben mir mehr gebracht als dir. Meine Finger durch dein Fell kreisen zu lassen, war Wellness pur für meine Seele. Ich mochte dich auch so gerne riechen. Dieser Duft hat mich betört.

Dann deine Beziehung zu Marie-Thérèse. Ich vergesse nie, als ich ein paar Tage weg war, rief sie mich weinend und aufgeregt an, gab mir zu verstehen, dass sie beim Gassi Gehen nicht mit dir klar käme, weil du (damals schon ca. 15 kg Muskelmasse) nach links, nach rechts, nach vorne und hinten ziehen würdest und du eigentlich die Richtung bestimmtest. Da Marie-Thérèse so nicht mit dir klar kam und du erziehungsbedürftig warst musste ich also den Hundeführerschein mit dir bei der Hundeflüsterin Karin in Irrel ablegen. Zugegeben, geschadet hat es uns Beiden nicht und du hattest jede Menge Spass dabei, warst du ja extrem lernbegierig. 

Unvergessen sind auch die beiden Male, wo du Marie-Thérèse zur Sauer den Abhang hinunter ziehen wolltest, sie die Leine losliess und du den Enten hinterher in den Fluss gesprungen bist; und dann in Oberstaufen wo du zu mir sprinteste und Marie-Thérèse vergass die Leine los zu lassen. Sie landete auf ihrem Hintern, hat dir das aber nie krumm genommen. 

Du hast uns kein einziges Mal Verdruss gebracht, weder den Garten umgepflügt noch ein Möbelstück angeknabbert. Ein Hund, exemplarisch wie aus dem Bilderbuch bist du gewesen.  Dein Blick hat uns jedesmal verzaubert. Wenn du uns nur angesehen hast, sind unsere Herzen geschmolzen wie Zuckerwatte in der Sonne. Es war gegenseitig die absolut grosse Liebe. Keinen Schritt durften wir ohne dich gehen. Waren wir auf dem Klo, hast du die Tür mit deiner dicken Schnauze aufgedrückt um alles unter Kontrolle zu haben, duschten wir, bezogst du deinen Posten vor der Glastür. Du warst schon eine spezielle Nummer – ein echter Stalker.

Dann das tägliche Szenario beim frühstücken. Du sassest zwischen uns, mit dem Arsch an mich und der Schulter und Schnauze an Marie-Thérèse gepresst. Wenn wir dir dann mal keine Beachtung schenkten  hast du die Pfote gehoben, uns nur leicht angestupst, um uns zu sagen „schaut nur, ich bin auch hier“. Oder aber ein sanfter und feuchtkalter Schnauzenstupser.

Eigentlich warst du ja mit deinem Normalgewicht im Idealfall von 25 kg kein Schosshündchen. Doch Marie-Therese konnte dich mit einer Vitamintablette kaufen und sobald sie auf der Couch sass und dich mit dem “ Vitaminchen “ lockte hast du dich freudig dazu  bringen lassen deine Vorderpfoten auf ihren Schoss zu legen und genüsslich dein Leckerli zu verschlingen, wobei dann manchmal auch die von dir gehasste Ohrenreinigung erfolgen konnte.

Auch hast du mit viel Genuss an Marie-Thérèse Hand herumgekaut ohne jemals zu fest zuzubeissen, was ja ein Leichtes gewesen wäre. 

Unvergessen sind auch die täglichen Rituale beim Nachhausekommen vom Spaziergang. Erstmal durchs Haus laufen, um zu kucken, wo denn das fehlende Partnerteil ist. Danach wurde dein Stoffkaninchen hin und her gezauselt, was uns jedes Mal, wie die Doofen, zum Aufschrei „Hast du ein Kaninchen ?“ veranlasste und uns zum Lachen brachte. Du wusstest ganz genau, dass dies uns, genauso wie auch dir, Spass bereitete.

Doch leider können wir nicht alles beschönigen. 

Du warst von Anfang an so viel krank. Neben deinen Augenoperationen hattest du ziemlich alle Krankheiten, die ein Shar Pei nur haben kann. Du hast uns durchschnittlich jeden Monat die stolze Summe von 300 €  an Arzthonoraren gekostet. Dabei legten wir jedes Mal eine Strecke von 120 Kilometern zum Tierarzt zurück. 

Nichts war uns zuviel und kein Weg zu weit und gerne hätten wir noch mehr in Dich investiert damit du gesund wirst. Doch obwohl wir nichts unversucht liessen damit es dir gut geht, sollte unser gemeinsames Glück nicht von Dauer sein. 

Nach nur kurzen 28 Monaten mussten wir dich am 20. Februar 2017 gehen lassen. Am letzten Abend nahmen wir dich zu uns aufs Bett. Du hattest Schmerzen und littest. Du hast gespürt, dass du von uns gehen musstest, dein trauriger und verstörter Blick und dein leises Stöhnen verrieten alles. Und auch wir wussten …

Dann am darauffolgenden Tag in der Tierarztpraxis die niederschmetternde Nachricht des totalen und irreversiblen Nierenversagens. Dein  letzter Blick zum Abschied bevor du dem Tierarzt die Pfote zur erlösenden Injektion hingehalten hast, macht uns unendlich traurig und wird uns nie loslassen. Glaube nicht mein Freund, wir hätten die Träne in deinem Auge nicht gesehen.

Dieser Blick hat uns tief in der Seele berührt – Traurigkeit, Angst, Nichtverstehen, Hilferuf und dieses unendliche Vertrauen.

Shiva, unser 17-jähriges Kätzchen die dir mit Vorliebe aus dem Weg ging, sitzt nun des öfteren an genau deinem Platz im Hauseingang oder in der Küche, um an deiner Stelle alles im Blick zu haben. Du fehlst.

Nun im Nachhinein können wir dir nur noch danken. Für die vielen schönen Momente und die Freude die du uns beschert hast. Wir vermissen dich so sehr. Du warst wie unser gemeinsames Kind. 

Kein sanfter Schnauzen-oder Pfotenstupser mehr unter dem Frühstückstisch, kein Ankündigen des Briefträgers oder eines Fremden vor dem Haus. Langeweile und Stille ohne dich, geliebter Lucky. 

Der Pfad zu deinem Aussichtspunkt im Garten ist so schnell zugewachsen und die Wohnung wurde mittlerweile gestrichen. Deine Sabberflecken sind weg. Was bleibt ist die Erinnerung und unsere Trauer, auch jetzt noch lange Jahre danach. 

Über Robert E. Steinmetz

Polizei Chef-Kommissar i.R. Autor
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